Zum Inhalt springen →

Schöffin in Hamburg – Das dritte Jahr

Wir schreiben den 25. November 2021, und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit (ich kenne den Zuteilungsschlüssel „meines“ diesjährigen Richters) liegt mein drittes Schöffinnenjahr für die Freie und Hansestadt Hamburg hinter mir. Theoretisch kann mir immer noch ein Fall Anfang Dezember ins Haus schneien, aber das ist aus vielen Gründen nicht zu erwarten. Also, ein Rückblick.

Das Jahr begann im November’20 mit der Zuweisung zu einem neuen Richter, und es zeichnete sich ab, dass ich – auch das kommt vor – den gleichen wie im Vorjahr erwischt hatte. Das bestätigte sich, als ich dann auch die Einladung zu einem Fall bekam, den wir 2020 schon hätten verhandeln sollen. Und wie 2020 kam es nicht dazu, wie 2020 wegen Corona.

Mitte des Jahres hatten wir dann einen gemeinsamen Fall. Ich fragte meinen Richter, wie das nun mit dem anderen Fall (eine Erpressung) sei. Seine sinngemäße Antwort war, dass solche Fälle, je länger sie zurück lägen, auch umso belangloser würden. Wer mal einer Verhandlung am Amtsgericht beigewohnt hat, weiß, wovon er spricht. Nach ein paar Wochen oder Monaten ist es schon fast unmöglich, aus Zeugen noch irgendwie relevante Aussagen herauszubekommen. Nach mehr als 2 Jahren kann sich niemand, nicht mal die Polizisten, die noch Akten über die Fälle haben, an irgendwas wirklich erinnern.

Der Fall, den wir verhandelten, und der für mich der einzige in diesem Kalenderjahr (bislang) geblieben ist, war dann alles, was man sich von einer Verhandlung bei einem Amtsgericht erwarten kann. Hätte ich die Szenen, die sich vor meinen Augen und Ohren abspielten, in einer TV-Show gesehen. hätte ich sie für völlig unglaubwürdig, gescriptet und an den Haaren herbei gezogen gehalten, aber es war tatsächlich die Realität. Eine armselig recherchierte und von der Polizei Hamburg dilettantisch aufbereitete Drogenhandelsgeschichte, cross-kulturelle Liebesverwicklungen, Staatsanwaltschaft wie Verteidigung, die in Sphären schwebten, die mit der gesetzlichen Realität nur schwer vereinbar waren… am Ende zwei Verhandlungstage mit Melodram pur, und in der Folge einem (erwartbaren) Revisionsantrag, vermutlich beider Parteien. Dabei waren die persönlichen Geschichten sehr spannend und gaben mal wieder Einblicke in Lebenswelten in meiner Stadt, die mir sonst verborgen geblieben wären.

Und das war es auch schon, was es aus dem Jahr 2021 zu berichten gibt.

Für 2022 habe ich eine Zuweisung zu einem Richter mit ungefähr dem Vierfachen an Schöffenfällen wie beim vorherigen erwischt; es ist also nicht unwahrscheinlich, dass ich im kommenden Jahr mehr Einsätze haben werde. Und so sehr ich mich auf der einen Seite darüber freue, so sehr hätte ich es angesichts der Pandemie begrüßt, *nicht* mehr Zeit in Gerichtssälen mit vielen Menschen mit fragwürdigem Impfstatus und ohne Maske zubringen zu müssen.

(Ich werde weiterhin FFP2 tragen).


 Schöffin in Hamburg

Veröffentlicht in Querbeet

Kommentaren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.