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Schöffin in Hamburg – das fünfte Jahr

Last updated on 2023-12-30

Fünf Jahre bin ich nun Schöffe, und noch nie ist mir der Jahresrückblick so schwer gefallen. (Einen Gesamtüberblick schreibe ich in den nächsten Tagen).

Die Termine für dieses Jahr gab es schon Mitte Dezember 2022, und sie sahen sehr überschaubar aus. Erstmals hatte es ein Richter hinbekommen, auch gleich seine Urlaubs- und sonstigen Frei-Termine einzupflegen, so dass ich a priori nur acht statt 12 oder 13 Termine auf der Liste hatte; und auch mal nicht meinen ganzen finanziellen Kram neu einreichen musste, ein simples Bestätigen reichte. (Dazu im abschließenden Beitrag mehr).

Über das Jahr war das dann weniger entspannt, was wohl systembedingt war.

Schon im Januar hatte ich den ersten Einsatz, das Ganze war sinnfrei, da die Hauptzeugin nicht erschien, und ich ansonsten auf einen zwar angeschalteten, aber von allen ignorierten CO2-Monitor starrte. In den kommenden Terminen war das Ding ebenso wie der vorhandene Luftfilter dann einfach ausgeschaltet. Dafür hat man es ja.

Im März hatte ich das Vergnügen, dass meine Mitschöffin kurzfristig wegen Scharlach ausfiel. Der Richter erklärte frohgemut, dass das ja gerade die Runde mache bei seinen in der Schule befindlichen Kindern. Immerhin bekam ich dadurch mal den Vorgang mit, wie Ersatzschöff*innen bestellt werden. (Der Richter muss jedes Mal eine Anordnung unterzeichnen, die nächsten Personen auf der Liste anzurufen). Naturgemäß war ich die einzige, die an diesem menschenvollen Verhandlungstag Maske trug. Die Verhandlung an sich war larifari und hätte mich nicht gebraucht. Wie überhaupt 2023 das vorherrschende Gefühl als Schöffin war, dass ich überflüssig bin – auch nichts, das ich wirklich mochte.

Beim nächsten Termin war der üblicherweise vorhandene / mir zugewiesene Richter AWOL. Erst sehr viel später erfuhr ich, dass das auf gerichtsinterne Maßnahmen zurückzuführen war, weil einer der Richter zur Probe am Landgericht war, und „mein“ Richter dessen Aufgaben übernommen hatte, was einen Rattenschwanz von Vertretungsregelungen auslöste.

Bei zwei Fällen war ich einfach nur da, um ein effektiv schon gefälltes Urteil zu bestätigen. Nicht meine Vorstellung von Schöff*innendsein, aber dennoch nachvollziehbar.

Ganz neu war auch, zwei Verhandlungen an einem Tag zu haben – das gab es in 2023 gleich zweimal. In beiden Fällen war das aber auch unspektakulär, weil die Fälle binnen 45 Minuten abgehandelt waren. Die Wartezeiten dazwischen waren schon nerviger.

Bemerkenswert war ein Fall, bei dem die Angeklagten sehr offensichtlich unschuldig waren, und die Ermittlungsbehörden dem Staat diesen ganzen Unsinn hätten ersparen können, wenn sie ein oder zwei Fragen mehr gestellt hätten.

Ein weiterer Fall mit einem Angeklagten, der sehr wahrscheinlich unschuldig war, schaffte es zweimal auf meinen Kalender. Während ich die erste Verhandlung erlebt habe, wurde die zweite, die am 21. Dezember hätte stattfinden sollen, dann doch abgesagt.

Und das war’s dann auch.


 Schöffin in Hamburg

Veröffentlicht in Querbeet

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