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2020 – (K)ein Jahresrückblick

Diesen Text habe ich bestimmt 12 mal angefangen und wieder verworfen, ein paar Nächte daran herum gedacht, aber es bleibt dabei: zu 2020 kann ich keinen vernünftigen Jahresrückblick schreiben. Schon im vergangenen Jahr passte der alte „tabellarische“ Jahresrückblick-Fragenkatalog für mich nicht wirklich, in diesem Jahr noch weniger.

2020 in drei Worten

Corona. US-Wahlen. Brexit.

Es ist wirklich so. Alles andere fällt hinten runter. Und vorhersehbar ist das alles noch nicht durch.

Die USA entscheiden am 5. Januar mit den Nachwahlen in Georgia, wer den Senat und damit quasi die gesamte Legislative kontrolliert (einschließlich Neubesetzung von hohen Richterämtern). In der Zwischenzeit basteln der Dilettantissimo und seine Minions nach wie vor an einem halben Coup. Biden wird voraussichtlich am 21. Januar Präsident sein, bis dahin demontiert Trump den Staat und die Institutionen, wo immer er kann, mit willfähriger Beihilfe der GOP.

Deutschland vergeigt die Corona-Bekämpfung nicht bloß mit Bürokratisierung, und föderalistischer Verschleppung, sondern ganz offensichtlich auch böswillig und mit Absicht, anders lassen sich die Nichthandlungen und Täuschungen nicht mehr erklären. NRW hat schon 5000 Personen geimpft, während Hessen nicht mal begonnen hat. Es ist alles völlig gaga. Corona wird uns noch mindestens zwei Jahre beschäftigen, und die kommenden 12 Monate werden ein K(r)ampf werden. Die mittel- und langfristigen Folgen für unser ohnehin broken-by-design Gesundheitssystem sind nicht abschätzbar, aber es sieht aus, als werde gerade alles mit Schmackes an die Wand gefahren.

Wie es mit UK und dem Trade Agreement nun weitergeht, bleibt abzuwarten. Vorhersehbar wird der Brexit für UK eine Katastrophe werden, die Erschütterungen werden sich durch ganz Europa ziehen. Zu hoffen bleibt, dass Schottland schnell den Weg aus dem Vereinten Königreich in ein vereintes Europa findet, und ihnen dabei auch keine Steine in den Weg gelegt werden. Bei der derzeitigen Corona-Lage wiederum dürfte sich der Brexit auch zu einer humanitären Katastrophe entwickeln.

2020 in einem Wort

Desillusionierung.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich in meinem Alter noch einmal so gründlich desillusioniert werden könnte, aber 2020 hat einiges möglich gemacht. Das beginnt beim vollständigen Vertrauensverlust in alles, was mit Regierung, Politik, Gesundheitswesen zu tun hat, und endet nicht dabei, zu begreifen, dass ein Großteil der Menschen da draußen vorsätzlich bösartig ist, sich einen Scheiß um andere schert, und man auch in Europa auf Hass, Ignoranz und Rassismus stolz ist. Und Wirtschaftsinteressen immer und überall Vorrang vor Leben und Menschenwürde haben.

„Wir“ reichen Länder lassen Kinder im Yemen verhungern. Wir haben Milliarden für das „Retten“ von Airlines und Autobauern, aber Europa ist nicht willens, Menschen, die bei allererbärmlichsten Bedingungen in Flüchtlingsnotlagern in EUROPA untergebracht sind, wie menschliche Wesen zu behandeln. „Wir“ lassen Menschen im Mittelmeer ersaufen, um ja nicht unsere Wohlstandsbubble anzukratzen. Desillusionierung ist ein noch viel zu schwaches Wort für das, was ich empfinde. Entsetzen, Unverständnis…

Auf der persönlichen Ebene habe ich eine Person als Freundin verloren, die sich (nicht auf COVID19 bezogen) völlig und unrettbar vom Boden der Realität entfernt hat.

In der Twitter-Timeline las ich irgendwo:

2021 = „2020 won“
2022 = „2020 too“

und das trifft meine Befürchtungen vollumfänglich. (Tatsächlich war ein Arbeitstitel für dieses Blogpost: „2020, ich bin durch“ – mit einem unausgesprochenen „mit allem“).

2020 unterwegs

Wir waren im Januar zu T.’s Geburtstag ein paar Tage in Brüssel, Museums-Hopping machen. Das war anstrengend, aber schön. Und bis auf einen Geburtstagsstopp bei meiner Mutter im Februar, bei der Schwiegermutter im September (social distanced), und zwei unfreiwillige Kurz-Stops bei meiner Mama im November (die Kühlschranksituation) haben wir die Stadt dieses Jahr nicht verlassen. Ich bin, jenseits von Einkäufen, nur zu Schöffeneinsätzen außerhalb des Stadtviertels unterwegs gewesen.

Wo wir nicht waren: im Mai in Japan; im November in New Mexico. Wochenenden in Holland, Belgien, Dänemark, Deutschland.

Wo wir waren: auf der Terrasse, die uns ein bisschen „gerettet“ hat.

Was sonst noch war

Kaputter Ofen, kaputter Rechner (x2), kaputter Kühlschrank, kaputter Körper. Leider kann man nicht alles davon ersetzen/reparieren…

Lektionen aus 2020

Was ich für mich aus 2020 mitnehmen kann, ist die (nicht neue, eher nochmal vertiefte) Erkennntis, dass ich Dinge, die ich machen möchte, nicht auf die lange Bank schieben, sondern machen sollte, wenn es irgend möglich ist. [Auch und gerade wenn das bedeutet, mich mal selbst in den Allerwertesten treten zu müssen.]

Wer weiß, was morgen ist, wie die Bedingungen nächste Woche aussehen? Niemand.

Veröffentlicht in Querbeet

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