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Soderbergh’s Solaris

Last updated on 16. Juni 2019

Archivpost - Originaldatum: 04. August 2004

Solaris ist ein Planet. Aber nicht irgendeiner. Solaris, das ist ein rätselhafter Organismus, die Spiegelung der menschlichen Seele, das Mysterium, das der eigene Geist darstellt. Der rot-wabernde Planet aus dem gleichnamigen Roman von Stanislaw Lem erschließt sich einem Leser nur langsam, dem Filmschaffenden wie -schauenden jedoch gar nicht.

Solaris

Stephen Soderbergh hat sich an das Unterfangen gemacht, dem tiefgründigen Roman Lem’s neues Leben einzuhauchen. Seine filmische Fassung hat dabei wenig mit der ‚Solyaris‘ von Andrej Tarkovsky gemeinsam – bis auf eine gewisse Langatmigkeit. Beeindruckend sind an Solaris vor allem die Kulissen und die bildliche Darstellung des Planeten sowie George Clooney, der hier über sein normales mimisches Repertoire hinauswächst und zeigt, dass er mehr kann, als nur den Kopf nachdenklich schief legen. Tatsächlich erinnert Clooney nicht selten in diesem Film an Sean Connery in Outland, und wie Connery scheint er, je älter er wird, auch umso sexier zu werden. Kurz darf auch die schauspielerische Brillianz von Ulrich Tukur in der Rolle Gibarians aufblitzen.

Überhaupt ist an der Besetzung dieses Films wenig zu bemäkeln – Viola Davis kann man sich als weibliche Gordon auch durchaus in anderen Sci-Fi-Umgebungen blendend und sehr authentisch vorstellen; Jeremy Davies gibt eine durchgeknallte Vorstellung wie weiland Gary Oldman, und Natascha McElhone ist eine wohltuende Abwechslung von den klongleichen amerikanischen Darstellerinnen nebst ihren Girliestimmen. Und da geht es dann schon ans Minus… McElhones Stimme ist sehr viel ausdrucksstärker als ihre Mimik. Sie spielt zwar eine Kopie ihrer selbst, aus den Gedanken von Chris Kelvin erzeugt, aber muss sie deswegen wie eine dümmliche Puppe in die Welt glotzen?

Die deutsche Übersetzung ist schlicht unerträglich. Die ausgewählten Stimmen passen nicht im mindesten zu denen der Figuren / Darsteller; von Clooney ist man mittlerweile schon zwei andere Stimmen gewohnt, McElhones prägnante Artikulation wird durch Girlie-Schmachtvertonung verschandelt, Davies hechel-stöhnt in Deutsch nur so vor sich hin.

Allein Tukur, der sich natürlich selbst sprechen darf, kommt authentisch ‚rüber. Also, unbedingt den O-Ton anschalten.

Ach ja, die Story… war da eine? Die ganzen Ecken und Kanten, Tiefen, die Macken der Figuren, die Probleme, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen, verblassen hier oder verschwinden völlig. Nie wird bei Soderbergh klar, warum die Besuchten auf der Solaris-Station geradezu paranoid versuchen, ihre ‚Gäste‘ vor den anderen geheimzuhalten; die Morde und Selbstmorde scheinen unmotiviert, der gesamte Plot hängt sozusagen haltlos im planetaren Orbit. (Was genau machen die Leute da überhaupt außer im Weltall abhängen, fragt man sich.)

Alles, was mit Forschung, Flügen in die Atmosphäre des Planeten und seiner Untersuchung zu tun hat, wurde weggelassen. Der einzige wirkliche Handlungsstrang ist die Lovestory zwischen Rheya (warum konnte nicht der Originalname stehenbleiben?) und Kelvin… und selbst die erschließt sich nicht, bleibt kryptisch, bleibt ein Nebeneinander, eine Aneinanderreihung von Szenen ohne echten Zusammenhang. Die Minuten ziehen sich dahin, und die Langeweile wird immer größer, am Ende ist einem eigentlich alles herzlich egal. Wen stört es da schon, dass der komplette (und komplexe) Inhalt der genialen Romanvorlage auf ein paar belanglose zwischenmenschliche Plots gekürzt wird, dass der Sense of Wonder, den das Lesen von Solaris auslöst, hier nicht mal zu einem winzigen Funken aufblitzt?

So hat Soderbergh mit Solaris eine große Chance verspielt – einen der wohl großartigsten psychologischen Sci-Fi-Romane einem größeren Publikum zu erschließen und Filmgeschichte zu schreiben. Schade drum. Das Making-Of ist wegen der Kommentare der Schauspieler und einem Einblick in die sehr schicke Kulissenwelt sehenswert – ich wünschte mir, die Kulissen kämen noch für einen anderen, besseren Film zum Zuge…

Bemerkenswert ist der Soundtrack von Cliff Martinez, an dem sich wohl die Geister scheiden. Ich finde ihn als SciFi-Soundtrack und insbesondere als ‚Vertonung‘ zur Welt Solaris sehr gelungen, auf jeden Fall ist er sehr eigenwillig geworden.

Fazit: Nur für hartgesottene Clooney-Fans, ansonsten Zeitvergeudung.

Veröffentlicht in Film + Fernsehen

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