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Will, Jada, Chris

Last updated on 2022-03-29

Die Kurzfassung: Chris Rock macht bei den Oscars einen geschmacklosen Witz über die Alopecia von Jada Pinkett Smith, woraufhin Will Smith auf die Bühne marschiert und Rock eine schallert, angeblich, um „die Ehre seiner Frau zu verteidigen“. Da Smith kurz drauf einen Oscar bekommt, wird alles feinsäuberlich wegignoriert, Applaus, Lächeln, the show must go on.

Auf Twitter ist dieser Vorgang heute in vieler Hinsicht eskaliert. Wortmeldungen pro und contra Smith, Rock, und alle, die irgendeinen Beef mit Wasauchimmer haben, nutzen das Ding, um auf den Zug aufzuspringen und von der rasenden Plattform ihre Themen zu promoten. Mediale Aufregung, Tohuwabohu.

Versuchen wir, etwas Ordnung ins Chaos zu bringen.

Chris Rock

Sein Joke war nicht so wüst, wie man angesichts der Reaktion von Smith, W., annehmen könnte. Er war nicht toll, und ich denke immer noch, wenn man seine Witze nur auf Kosten anderer machen kann, spricht das nicht für die Leistung des Comedian.

Auf der Meta-Ebene ist da natürlich auch ein Grundsatzpoblem: Frauen, erst Recht Frauen in Hollywood, werden anhand ihrer körperlichen Attraktivität bewertet. Keine Haare zu haben, aus welchen Gründen auch immer, ist ein „Makel“. Einen Witz über eine Frau mit gesundheitlich bedingter Haarlosigkeit zu machen ist

– geschmacklos
– ableistisch
– misogyn

und im konkreten Fall auch noch eine Form von Rassismus, weil schwarze Frauen sehr häufig von Alopecia betroffen sind.

(Ayanna Presley hätte dazu vermutlich ein paar Dinge zu sagen).

Jada Pinkett Smith

Es gäbe durchaus Dinge, die man bei Jada Pinkett Smith kritisch sehen kann. Ihre Alopecia gehört nicht dazu, und auch ihre in letzter Zeit dank eines Interviews des Gatten Will sehr durch die Social Media Diskussion geschliffene „open marriage“ fällt m.E. unter: das geht euch einen Scheissdreck an. Da wäre schon eher ihre enge Beziehung zur Sekte Scientology etwas, das ich schwierig finde.

In dem Geschehen letzte Nacht war sie eine merkwürdig stille Teilnehmerin, zumal es doch eigentlich / vorgeblich um sie ging.

Man stelle sich  nur mal vor, Jada wäre – wie ihr Mann – auf die Bühne marschiert, und hätte Chris Rock eine gelangt. Die Medien würden jetzt noch Amok laufen, dass sie (typisch Frau) keinen Spaß verstehe, überreagiert habe, hier beliebige Zuschreibungen von „hysterisch“ bis „Hormone nicht im Griff“ oder „überemotional“ einfügen.

Gleichzeitig frage ich mich, wieso sie nicht gleich ihren Gatten zurecht gestutzt hat, der immerhin vor Millionenpublikum meinte, ihre „Ehre verteidigen“ zu müssen.

Käme ein/e Partner/in von mir auf so eine hanebüchene Idee, ich würde ihr/ihm aber sowas von sofort die Leviten lesen: Thanks, but no thanks, ich kann mich um meinen Kram selbst kümmern.

Will Smith

Ich twitterte heute morgen:

und das sehe ich immer noch so.

Smith hätte bei seinem Acceptance Speech auf der Bühne stehen können und erwähnen, wie großartig seine Frau mit und ohne Haare aussieht, und Chris Rock wäre – zu Recht – das Arschloch gewesen. Statt dessen stürmt da ein 53jähriger, der es besser wissen sollte, auf die Bühne, und übt live, vor Kameras und Millionenpublikum, körperliche Gewalt gegen einen Comedian und Mitschauspieler aus. IM NAMEN SEINER FRAU.

Es ist „nur eine Ohrfeige“ und kein Ehrenmord, aber der Ansatz ist der gleiche: ich maße mir an, Gewalt auszuüben, weil jemand „meine“ Frau / Person beleidigt. Seine Frau saß direkt neben ihm, und wäre in der Lage gewesen, selbst für sich zu sprechen, aber die Gelegenheit hat er ihr schlicht genommen. Und sein Gerede über „love“ und das Beschützen derer, die er liebe, war die typische Nopology.

Jemanden mit einer solchen toxischen Einstellung würde ich nicht an meinem Set sehen wollen. Aber da er ja gerade einen Oscar gewonnen hat, wird er weiter hofiert, und alles applaudiert höflich und schaut weg. Wie bei den Oscars.

Es ist ganz offensichtlich, dass weite Teile der Gesellschaft derart toxisches Verhalten gutheißen, und bei denen, die das nicht tun, dank Trump eine Abstumpfung stattgefunden hat.

Und das ist das wahre Problem.

Veröffentlicht in Film + Fernsehen

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