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Das war der März

Offen gestanden war ich bis eben nicht sicher, ob es überhaupt einen März-Rückblick geben würde. Ich habe in den vergangenen Tagen oft genug angefangen zu tippen, nur um den Text dann doch entnervt zu löschen. Und vor allem lässt sich der März ja im Grunde in einem Wort zusammenfassen.

Corona.

Aber dann gibt es eben doch Dinge, die ich für mich festhalten will. Etwa, dass ich einen Einsatz als Schöffin hatte, am 9.3. Mit einem Fall, der auf der einen Seite ganz glasklar und auf der anderen Seite sehr verworren war, und wo sich die Rechtsausübung und die tatsächlichen Rechtsnormen ganz kräftig knirschend aneinander gerieben haben. Am Ende konnten wir das Thema aber nicht abschließen, da uns ein Zeuge fehlte, ein Polizeibeamter, der zu diesem Zeitpunkt noch im Skiurlaub war. Den Rest kann man sich ja denken.

Immerhin bin ich sehr dankbar dafür, dass das Amtsgericht in Wandsbek bzw. generell wohl die Hamburger Gerichte sehr frühzeitig die Reißleine gezogen haben. Der Folgetermin am 20.3. fand nicht statt, weil zum 16. März alle Termine bis mindestens Ostern kurzerhand storniert wurden. Das war die einzig richtige Lösung, und ich bin sehr erleichtert darüber. Gleichzeitig kann ich mir vorstellen, was das am Ende bedeutet. „Mein“ Amtsrichter erstickt bereits jetzt in Fällen, die elend lang liegen bleiben. In den (mindestens) 6 Wochen, in denen (außer wahrscheinlich Akten aufarbeiten) am Gericht nichts passiert. dürften sich noch ein paar Dutzend weitere Fälle/Verfahren aufstauen, die auch irgendwann mal in den Kalender müssen; aber die Zahl der verfügbaren Richter (und Verteidiger) ist halt nicht beliebig von jetzt auf gleich skalierbar.

Vor einem guten Monat habe ich – naiverweise, wie ich gestehe – zwei Flüge für den Liebsten und mich zu einem Wunschziel gebucht, im Mai. Aktuell herrscht dort Einreiseverbot für Europäer, wie das in 5 Wochen, wenn der Flug theoretisch gehen soll, aussieht, steht in den Sternen. Am wahrscheinlichsten wird eine Umbuchung, wenn ich mir auch gerade wünschen würde, dass die Airline den Flug storniert und wir das Geld wieder eintreiben könnten.

Seit zwei Wochen hat dann auch der Liebste – wie alle im „nicht systemrelevanten“ Handel – Kurzarbeit, und auch wenn das den Finanzen nicht gut tut, bin ich auch dafür dankbar, denn ihn im ÖPNV durch die halbe Stadt schicken und dann den ganzen Tag von Menschen anhusten lassen, mit Geräten arbeitend, die täglich von zwanzig, dreißig anderen Menschen angepatscht werden – ihn sicher zu Hause zu haben, finde ich da erheblich meiner Seelenruhe zuträglich.

Schließlich und endlich bin ich froh darum, dass wir eine Wohnung mit Terrasse haben. Schon im März haben wir die Sonnentage weitestgehend dafür genutzt, auf dem Terrassensofa zu sitzen, und ein bisschen Container Gardening zu betreiben, und das setzt sich gerade im April auch mit den kommenden warmen Tagen fort.

Das Wetter im März war durchwachsen, zum Frühlingsanfang Frost, zum 30.3. dann Schnee – ist das wirklich gerade eine Woche her? – aber dann eben auch sonnige Tage, trocken und mit wenig Wind, die trotz kühler Temperaturen ganz angenehm waren.

Gleichzeitig wird dieser März wohl lange Zeit als der seltsamste und längste Monat aller Zeiten in Erinnerung bleiben, in dem unsere Lebensrealität von jetzt auf gleich ins Absurde kippte. Was vor vier Wochen noch normal war, rückt gerade in unerreichbare Fernen. Das Leben, wie wir es kannten, wird es auch post Corona nicht mehr geben. (In der Zwischenzeit ist Ungarn ein faschistisch-antisemitischer Staat mit einem Diktator geworden; die USA erleben die größte Krise seit dem 2. Weltkrieg, und der Kapitalismus spaziert weiter lässig über Leichen hinweg).

Am besten fasst es wohl Stephen Colbert zusammen:

Immerhin: wir haben genug zu essen, wir haben Toilettenpapier (yeah!), und so langsam krieche ich aus einem tiefen Tal voller Ängste und Irritation wieder heraus und versuche, möglichst das Beste aus der Lage zu machen, und jeden Tag für sich einzeln anzugehen. Ich schlafe schlecht, ich lese zu viel Twitter und zu wenige Bücher. Ich bewege mich zu wenig und habe mich vier Wochen wirklich mies ernährt, aber das wird jetzt hoffentlich in den kommenden Wochen wieder ganz anders. Die Welt retten kann ich ohnehin nicht, ich kann es nur nehmen, wie es kommt, und dankbar für das Gute sein, das mein Leben hatte und hat.

(Wofür ich auch dankbar bin: Testament und Patientenverfügung schon vor Jahren geklärt zu haben. Das muss man leider dieser Tage so sagen.)

Veröffentlicht in Querbeet

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