Digitales Bullet Journaling – geht das?

Durch meine Beschäftigung mit dem Thema Handschrift / Mit der Hand schreiben landete ich Ende 2016 / Anfang 2017 nahezu unweigerlich auch beim Thema Bullet Journaling, denn ein Großteil der Leute, die sich mit Projekten wie #rockyourhandwriting (ich berichtete hier) befassen, betreiben auch dekoratives Handlettering, und haben nicht selten ein Bullet Journal.

Was ist eigentlich ein Bullet Journal?

Auf diese Frage gibt es zwei Antworten.

Die erste Antwort: Eigentlich, also im ursprünglichen Sinne des Erfinders (Ryder Carroll), ist Bullet Journaling nichts anderes als eine Methode, sich schnell und flüssig handschriftlich Notizen zu machen – egal ob es sich um Fakten, Ideen, Termine, Tasks oder was auch immer handelt. Carroll entwickelte diese Methodik eines rapid logging für sich selbst; irgendwann gewann das Ganze aber eine starke Eigendynamik, und heute beschreibt er die Methode und das Drumherum als The analog system for the digital age. Die Website bulletjournal.com gibt Interessierten alles an die Hand, um es selbst ausprobieren zu können. Aber am Besten erklärt Carroll’s kurzes Video das System:

Die zweite Antwort: Aus Carroll’s Bullet Journaling hat sich mittlerweile etwas (meines Erachtens) gänzlich anderes entwickelt, und das ist das, was man mit dem Suchbegriff meist online (insbesondere bei Pinterest, Instagram und den Handwriting-Enthusiasten) findet. Das Bullet Journal ist ein komplett von Hand gestalteter Organizer mit Kalendarien, Listen für alles nur Erdenkliche, und sehr, sehr viel künstlerisch-dekorativem Brimborium wie Doodles, ganzseitigen Zeichnungen, schnörkeligen Umrahmungen und anderen Verzierungen, Stickern, Washitape etc etc., was diese Bullet Journals meist sehr schön aussehen lässt. Natürlich steht es jeder und jedem selbst frei, wie er/sie ein solches Journal dekorieren möchte, und eine Menge Menschen leben dort künstlerische Adern aus und haben sehr viel Spaß daran. Allerdings ist das für meine Begriffe kein bzw. eine komplett andere Form des BuJo, denn von „rapid logging“ kann dort schon vom Aufwand her keine Rede mehr sein.

Beispiele findet man zuhauf, etwa bei Pinterest in der Themensammlung Bullet Journal.

Das Thema „schöne“ vs. „praktische / simple“ Formen des BulletJournal ist auch ein beliebter Diskussionsaufhänger im Subreddit /r/bulletjournal – eine gute Quelle für Fragen rund ums BuJo ist die dortige FAQ for Beginners.

Um das Thema Bullet Journaling hat sich sehr schnell eine ganze Blog- / Youtube-/ Instagram-Subkultur gebildet, die mir manchmal vorkommt wie ein einziges Werbeportal für teure Notizbücher, Washitape, Füllhalter und japanische Copymarker. Dafür bin ich zwar durchaus empfänglich, allerdings nicht für diese spezielle Art des Bulletjournaling.

Ich habe mich vorsichtig an das Thema herangetastet, kam aber bald zu dem Schluss, dass ein Bullet Journal, bei aller Liebe für das Medium an sich, für mich keine bzw. nur eine sehr suboptimale Lösung darstellt, mir Notizen zu machen.

Warum BulletJournaling für mich nicht funktioniert

Was ich am Bullet Journaling gut finde, ist die logische und einfache Methodik, mit der ich durch simple ‚Signifier‘, also Symbole, beim Aufschreiben von Ideen diese gleich kategorisieren kann. Beim Durcharbeiten solcher Notizen ist es erheblich einfacher, diese in eine vernünftige Struktur zu bringen und zu Aufgabenbereichen und Lebensbereichen zuzuordnen. Bullet Journaling geht häufig Hand in Hand mit GTD-Methoden, aber sein ganz großer Vorteil ist eben, dass wirklich jede/r das System an eigene Bedürfnisse und Vorlieben anpassen kann. Warum also habe ich Probleme mit dem Bullet Journal?

Zum einen bringt die analoge Methode es mit sich, dass ich meine handschriftlichen Notizen immer und immer wieder durchsehen und neu aufschreiben muss. Tasks, die ich in einem bestimmten Zeitraum nicht erledigt habe, müssen transferiert und ‚weiter geschrieben‘ werden. Mnemonisch hat das sicher Vorteile, weil man sich durch das erneute Aufschreiben daran erinnert: Hey, da ist noch was um das ich mich kümmern muss. Auch hilft es dabei, bestimmte Dinge in Frage zu stellen. Ein Task, den ich seit Tagen immer und immer wieder verschiebe, zeigt mir, dass da etwas ist, das ich ändern muss. Soweit, so gut. Allerdings bin ich schon notorisch schlecht darin, mir die Dinge zu notieren, die ich notieren muss, und für mich resultiert so ein System, besonders bei den Beschränkungen eines linear fortgeschriebenen Buchs, zwangsläufig darin, dass ich es nicht mehr benutze, weil es mir zu kompliziert wird, alles irgendwo in Indizes zu schreiben und meine Kalendarien und Übersichten neu zu malen und Zeug durchzustreichen… etc etc.

Das Bullet Journal soll ein Organizer sein, also Menschen helfen, ihr Leben zu organisieren, alles an einem Platz zu haben. (Erinnert sich jemand noch an Time System, Tempus & Co. mit ihren luxuriösen Ringbüchern mit Kalendarien und Checklisten und so weiter?) Um mit einem BuJo organisiert zu sein, braucht man aber eine gewisse Zwanghaftigkeit, muss also bereits gut organisiert sein, damit es funktioniert. Und das bin ich genau nicht.

Das für mich wesentlichere Problem liegt aber darin, dass ein Großteil meiner Informationen, die ich erfasse (und meiner Arbeit) digital sind. Das beginnt bei Terminen, die ich seit Jahren im Google Kalender habe, geht weiter mit Kontakten, die natürlich online abgelegt sind, mit allen Webadressen, SocialMedia-Adressen, Mailadressen, Verknüpfungen zu Projekten, Konzernen, Terminen, Plänen, und endet nicht dabei, das ich mir nicht mehr (wie noch Ende der 80er bis Mitte der 90er Jahre) ftp-, gopher- oder Webadressen irgendwo handschriftlich notiere, um mich daran zu erinnern und sie wieder zu finden und zu besuchen. Das alles findet in einem analogen BulletJournal keinen Platz; und an den Blogs diverser BulletJournaler kann man erkennen, dass diese Probleme sie auch beschäftigen – und sie sich oft doppelte und dreifache Arbeit machen, um ihre Onlinekalendarien auch irgendwie in ihre Bullet Journal Tasklisten und Terminübersichten zu integrieren, oder Projektkontakte in einem projektbezogenen BuJo aktuell zu halten. Oder ihre mit Familienmitgliedern gemeinsam verwendeten Kalender und Tasklisten dann doch rein digital führen.

Oft lese ich bei BuJo-Enthusiasten, es sei so toll, „alles an einem Platz“ zu haben. Genau das habe ich mit der analogen Lösung aber nicht. Was ich auch nicht habe, ist ein Backup, wenn mein ganzes Leben, das bei vielen nach deren Darstellung in diesem Notizbuch steckt, plötzlich weg ist – oder auch nur zu Hause liegengeblieben.

Und natürlich stellt man sich dann die Frage, ob man das BulletJournal nicht vielleicht auch digital umsetzen kann, wenn es eine so tolle Methode ist?

Wege zum digitalen Bullet Journal

Logischerweise bin ich weder die erste noch die einzige, die sich gefragt hat, wie man ein Bullet Journal digital erstellen kann. Von den zahlreichen Ansätzen, die ich gefunden habe, gefielen mir diese drei sehr gut:

  • Mit Goodnotes auf dem Ipad
    Das ist zweifelsohne die eleganteste Lösung und die, die tatsächlich dem handgeschriebenen BuJo am nächsten kommt. Julia von Tried-It-Out hat das umgesetzt und berichtet in ihrem Blog darüber. Für mich ist das allerdings keine Option, da ich kein Ipad besitze.
  • Mit OneNote
    Mary von Mary Plethora stellt ihr in OneNote gebautes Bulletjournal hier vor. Besonders mag ich daran ihren Ansatz, abgearbeitete Monate in ein eigenes „Buch“ zu verschieben, und damit ihr Bullet Journal dünn und übersichtlich zu halten.
  • Mit Evernote
    Clara Ryanne Heart baut ein traditionelles BuJo in Evernote nach und beschreibt ihre Schritte sehr anschaulich.

Meine Anforderung an eine digitale Lösung wäre vor allem Plattformunabhängigkeit – egal, auf welchem System / Rechner / Mobilgerät ich arbeite, ich möchte vorzugsweise überall die gleiche oder doch zumindest ähnliche Arbeitsumgebung haben, und die Daten müssen (zumindest bis auf weiteres) in eine Cloud. Für mich, die ich derzeit in einem Hybrid aus OSX und Android arbeite, bleibt damit als Basis fast nur Evernote. (OneNote bringt unter OSX eine große Zahl an Funktionen, die die Windows-Fassung so attraktiv machen, nicht mit, und alle Arten Makros etc. funktionieren nicht; mir ist es aber auch zu stark an analoge Ordnerstrukturen angelehnt). Also habe ich mich für meinen Test lose an der Vorlage von Clara orientiert, und dann nach und nach angepasst, was ich brauchte.

Probleme mit dem digitalen Bullet Journal

Ich kann schneller tippen als mit der Hand schreiben – insofern ist ein digitales Archiv für mich sinnvoller als handschriftliches rapid logging. Auch kurze Audiofiles oder fotografische Notizen lassen sich digital erheblich leichter archivieren, taggen, zuordnen, auswerten. Für das ‚rapid logging‘ im Carroll-Stil genügt ein banales Textfile mit ein paar Signifiern, die man auf der Tastatur findet.

Von vornherein war für mich klar, dass ich bestimmte Strukturen des BuJo nicht brauchte – ich will / muss meinen Kalender, den ich online habe, nicht nochmal im BuJo abbilden. Ich brauche in einer volltextindizierten Datenbank keine umfangreichen Indizes (wenn das auch mit Evernote gut gestaltbar ist). Ich kann mit Tags arbeiten, etwas, das ich schon seit den Zeiten von Win 3.11 streng hierarchischen Strukturen wie denen eines BuJo vorziehe. „Hübsche“ Borten und verzierte Todolisten brauche ich schon in der analogen Version nicht. Und so stellte ich nach einigen Tagen Benutzung und Tweaking fest, dass der Aufbau eines Bullet Journals in der digitalen Welt für mich keinen Sinn ergibt, bzw. sich nicht mit meiner Art von Nutzung und Informationsammlung-/-organisation vereinbaren lässt. Immer mehr der BuJo-typischen Funktionalitäten flogen raus, bis schließlich nur noch ein (ganz hilfreiches) Future Log als Feature übrig blieb.

Natürlich kann ich – frei nach dem Motto, dass ich das BuJo für mich so anpassen kann, wie ich es brauche – mit Evernote eine Struktur erstellen, in der ich alles, was ich will, wiederfinde. Allerdings wäre es meines Erachtens irreführend, dieses Ergebnis noch als Bullet Journal zu bezeichnen – denn mit dem rapid logging von Ryder Carroll hat es nicht mehr viel zu tun; in Abwesenheit von Tablet und Pen für handschriftliche Notizen noch weniger.

Mein Fazit zu digitalem Bulletjournaling

Ja, man kann ein Bullet Journal digital nachbauen. Ob es allerdings sinnvoll ist, das zu tun, muss jede/r für sich selbst entscheiden.

Wer auf einem Tablet arbeitet und dort seine „Notizbuchseiten“ beschriftet und organisiert, kommt damit dem Original schon nahe, und hat die Vorzüge von Cloud-Backup und direktem Zugriff auf das WWW gleich mit drin. Eine tatsächliche Vermählung des analogen Systems Bullet Journal und der digitalen Welt gibt es aber eigentlich nicht; das Bullet Journaling basiert ja gerade darauf, dass man manuell Strukturen erschafft, in denen man die eigenen Informationen / Daten organisiert, und diese Strukturen nach Bedarf an das Medium (Stift und Notizbuch aus Papier) anpasst. Ein digitales Bullet Journal dagegen versucht, die Strukturen des analogen Mediums auf die elektronische Welt zu übertragen – zumindest für mich ergibt das keinen Sinn.

(Header image: Estée Janssens auf Unsplash, von mir bearbeitet)

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