Merkel, Medienerpressung und das TV-Duell

Heute zieht es sich aktiv durch meine Twitter-Timeline.

DAS TV-DUELL.

Merkel und Schulz wollen sich also dem Wahlvolk im Fernsehen stellen. Und Der Spiegel macht groß mit Nikolaus Brenner auf, der gesagt hat, eine Einigung sei nur durch Erpressung durch das Kanzleramt zustande gekommen, eine Einigung, die zugunsten von Merkel und zu Lasten von Schulz ausfalle.

Dazu ist einiges anzumerken.

Erpressung durch das Kanzleramt

Dass die öffentlich-rechtlichen Sender auch dank ihrer unglücklichen Verquickung mit den Landesregierungen schon viel zu lange dem Einfluß der politischen Parteien unterstehen, sollte eigentlich den meisten klar denkenden Menschen in den letzten Jahrzehnten aufgefallen sein. Politische Berichterstattung findet seit gefühlt Ewigkeiten nur noch im Rahmen dessen statt, was die Politik gestattet, kritische Berichterstattung kann Karrieren beenden und Gelder kosten. Es ist also nicht allzu verwunderlich, wenn sich gerade das in Mainz und Berlin angesiedelte ZDF nur zu gern Wünschen der CDU beugt (die ARD steht dem in nichts nach). Dass der heutige Regierungssprecher seine Karriere beim ZDF aufbaute, ist bestimmt auch nicht hinderlich. Und die mit erwähnte ProSieben/Sat1-Truppe ist ja ohnehin alles andere als macht- und regierungsfern.

Der Spiegel spricht von Erpressung durch das Kanzleramt. Das ist sicherlich zutreffend, und Machtmissbrauch, was thematisiert werden sollte – wir müssen nicht bis in die USA schauen, um zu erkennen, wie schädlich so etwas für die Demokratie sein kann. Der Skandal ist aber eigentlich, dass sich – bei aller politischen Bindung – die beteiligten Sender nicht gegen diese Übergriffigkeit  wehren, sondern stattdessen, der Einschaltquote und Einschleimerei zuliebe, diese Sache mitmachen. Konsequenterweise könnten sie einfach sagen: GEHT’S NOCH? Nö, dann eben nicht. Macht euren Shyce doch alleine.

Was spricht eigentlich dagegen, zur Abwechslung ernsthafte politische Sondersendungen mit Kandidaten von mehr als dem Zweiparteiensystem zu machen, statt vorhersehbar tumbe, inszenierte „Elefantenduelle“?

Und warum zum Geier glaubt eigentlich die SPD, den Quatsch mitmachen zu müssen, wenn doch Merkel sowieso besser dasteht? Haben die nichts Besseres zu tun? Herr Schulz, nichts für ungut, aber, Arsch in der Hose fängt bei sowas an.

Die noch viel größere Frage ist allerdings, bei allem Gejammer über Demokratieverständnis der CDU (und der beteiligten Medien): glaubt eigentlich wirklich irgend jemand, der Ausgang dieses TV-Duells (tendenziell: 200.000 Rentner und Journalisten schlafen vor dem TV ein und essen eine Tüte Chips zuviel) sei irgendwie wahlentscheidend?

Wie wichtig ist das TV Duell?

Fun Fact 1: Hillary Clinton hat objektiv alle TV-Duelle in den USA gewonnen, und wurde dennoch nicht Präsidentin.

Fun Fact 2: gewählt wird, wer seine Wähler mobilisieren kann, wählen zu gehen. (Beim aktuellen Stand der Dinge: die AfD, für die alle derartigen TV-Duelle ohnehin Fake News sind. Und in diesem Fall geben ihnen die Medien dank solcher Absprachen auch noch recht. Cui bono?)

Nochmal die Frage: glaubt wirklich irgend jemand, die Tatsache, dass Merkel ein paar nichtssagende Sätze in Kameras sagt und Fingerrauten formt, ändert irgend etwas an der Wahlbeteiligung?

Glaubt irgend jemand, dass ein besser in Szene gesetzter Martin Schulz mehr linke Wähler dazu bringen wird, die allvierjährliche Wirbelügenunsallekräftigselbst-Nummer der SPD irgendwie ernst zu nehmen, und dafür auf die Straße und wählen zu gehen?

Die Menschen, die sich solche TV-Duelle anschauen (und nicht im journalistischen Bereich tätig sind), sind dafür, mit Verlaub, viel zu träge. Die wählen, wenn sie überhaupt wählen gehen, sowieso das, was sie immer schon gewählt haben. So, wie eine Bundestagsdebatte keine Meinung der Abgeordneten verändert, so wird auch ein TV-Duell nichts an den Überzeugungen derer ändern, die zur Wahl gehen. TV-Duelle dienen der Rückbestätigung des eigenen Weltbildes. Diese Show schaut ohnehin nur die Generation meiner Eltern. Alle anderen haben wahrlich Besseres zu tun. Egal, welche Buzzwords und Versprechungen da fallen, mit der realen Politik, mit der wir anschließend werden leben müssen, hat das alles nichts zu tun. Zugegeben, vage Versprechungen funktionieren bei Trump, aber ich denke, das Problem ist hier ein anderes.

TV-Duelle bringen niemanden an die Wahlurnen

Gewinnen kann die SPD oder wer auch immer bei der kommenden Bundestagswahl nur, wenn sie es schaffen, die Leute zu mobilisieren, die eigentlich keinen Sinn mehr darin sehen, zu wählen, weil sich vorhersehbar und bei allen Versprechungen ohnehin nichts ändern wird – unabhängig davon, ob da oben nun Schulz oder Merkel Phrasen in die Welt setzen.  Nur dass diese Leute, die sie an den Wahlurnen brauchen, voraussichtlich nicht im TV zuschauen werden, wie Merkel und Schulz sich gegenseitig vorher abgestimmte Textbausteine präsentieren – wozu auch?

Das Problem des TV-Duells ist nicht, dass „die CDU die Sender erpresst“, wenn es auch tatsächlich ein Demokratieverständnis zeigt, das auf beiden Seiten nur noch eine politische Klasse an der Macht erhält, sondern, dass das gesamte Konzept eines inszenierten Duells an sich anno 2017 nicht mehr zeitgemäß ist – es geht an den wirklich wichtigen Inhalten und vor allem an der Zielgruppe vollkommen vorbei.

Das nicht begriffen zu haben / wahrhaben zu wollen, und stattdessen an den Formaten des 20. Jahrhunderts kleben zu bleiben, ist allerdings sehr deutsch.

 

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